Willst du? – Pro und contra Ehe

(Foto: © Diana Warkentin)
„Willst du mich heiraten?“
Kathi: „Ähm, vielleicht.“
Beginnen wir auf der dunklen Seite dieses Artikels. Ihr erwartet jetzt vermutlich eine humorlose Abhandlung mit Verweis auf hohe Scheidungsraten, geschrieben von einer zynischen und frustrierten Hexe, die diesen Standpunkt hauptsächlich eingenommen hat, weil sie eh niemand heiraten würde. Das stimmt allerdings nur teilweise. Abgesehen davon halte ich Junggesellenabschiede für sehr viel erschreckender als die Tatsache, dass jede zweite Ehe geschieden wird. (Ups, jetzt hab ich es doch erwähnt.)
Die Wahrheit ist: Eigentlich mag ich die Ehe. Ich mag ich auch Hochzeiten und den Gedanken, für immer mit jemandem zusammen zu sein. Die Ehe für alle habe ich schon längst für überfällig gehalten und der Rest des Landes hat es endlich auch begriffen. Und ja, ich kann mir sogar vorstellen, mal zu heiraten. Was mir nicht gefällt, ist dass man mit so vielen Normen und Traditionen konfrontiert wird. Das fängt beim Heiraten an: Das Kleid soll weiß sein, die Location pompös (Froonck Mattheé soll sich schließlich wohlfühlen), und der Ring muss von Tiffany’s sein. Warum eigentlich? Nicht jeder hat Lust auf eine Variation in Pastell. Beziehungen sind einzigartig, sollten es Hochzeiten dann nicht auch sein? Natürlich ist die Vielfalt mittlerweile größer geworden, aber solange noch potentielle Schwiegereltern hyperventilieren, weil ein Kleid die falsche Farbe hat, bin ich nicht zufrieden. Ich will meine Zusammengehörigkeit zu meinem Partner so ausdrücken, dass es zu mir und zu ihm passt. Bei Eheringen muss ich spontan dran denken, dass mein Papa mal Brieftauben gezüchtet hat. Die wurden auch beringt, nicht, dass eine am Ende des Tages im falschen Schlag landet. Tauben sind übrigens auch so eine Sache. In manchen Innenstädten werden sie gezielt vergiftet, auf Hochzeiten sind sie plötzlich nicht mehr fliegende Ratten in weiß, sondern „sooo romantisch“.
Eine Ehe ist nicht wichtiger, besser oder erfüllender als eine Beziehung. Sie ist auch nicht das „Ziel“, auf das eine lange Beziehung unvermeidlich zusteuert. Wie glücklich man mit seinem Partner ist, hängt von dir und deinem Partner ab und wie viel in die Beziehung investiert wird – und das muss kein Ring sein, da kann Beyoncé singen was sie will. Mein wichtigster Punkt ist folgender: Eine Hochzeit kann ein wunderschönes Ritual sein, eine Möglichkeit mit allen, die man liebt zu feiern. Das ist toll. Aber eine Hochzeit und die darauf folgende Ehe sind kein Muss und schon gar keine Garantie. Es reicht nicht, einmal sehr laut Ja zu sagen und dann nie wieder. Eine Beziehung braucht viele kleine Jas – jeden Tag aufs Neue. Was mich wirklich mit meinem Partner verbindet ist nicht das Hochzeitsfoto an der Wand oder die offizielle Urkunde. Sondern schlechte Insider-Witze,
die uns trotzdem jedes Mal zum kichern bringen. Jeden Morgen, wenn die Zeit es zu lässt gemeinsam einen Kaffee im Bett zu trinken. Oder nach einem Streit die Größe haben, um Verzeihung zu bitten. Aber auch Probleme ehrlich und ohne Scheu zu diskutieren.
Und all das kann ich auch ohne Trauschein haben. Denn letztendlich ist das das einzige, das Beziehung und Ehe voneinander unterscheidet. Das, und die pathetischen Worte eines übermotivierten Geistlichen oder Standesbeamten, die mich meinem Partner nicht zwangsläufig näher bringen kann, als es vorher der Fall war. Was Beziehungen im Kern zusammen hält kann ich leider auch nicht sagen, denn daran rätseln auch Psychologen
und Zeitschriften seit Jahrzehnten herum. Aber es ist sicher nicht die Tatsache, dass ich mich 10.000 Euro ärmer und mit Reis beworfen Ehefrau oder Ehemann nennen darf.
Eines kann ich jedoch mit Bestimmtheit sagen: Unter keinen Umständen will ich, dass mein Hochzeitstag der schönste Tag meines Lebens wird. Ich will immer in der Überzeugung leben, dass der schönste Tag meines Lebens noch kommt. Wenn ich den Richtigen heirate, dann stehen die Chancen dafür ziemlich gut. Aber selbst falls ich auf „
Die Frage aller Fragen“ (nein, nicht „Willst du mit mir Drogen nehmen?“) anders antworte als gedacht, dann ändert das nichts an unserem „Für immer“.
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Foto: (c) Diana Warkentin
Lara: „Na logo!“
Eigentlich ist die Ehe nicht viel mehr als ein Deal. Ursprünglich diente sie in ihrer Funktion als bindender Vertrag dazu, dass man insbesondere als Frau nicht plötzlich völlig mittellos dastand, sollte einen der Mann nach dem zwölften Kind nicht mehr so attraktiv finden wie zum Zeitpunkt der Eheschließung mit 14, oder falls er als greiser 30-jähriger das Zeitliche segnete. Auch nach dem finsteren Mittelalter diente sie zur gegenseitigen Absicherung sowie als politisches Instrument nicht nur des Adels, sondern auch der Bauern („Drum prüfe, wer sich ewig bindet, dass Hektar auch zu Hektar findet“!). Die Idee der Liebesheirat ist tatsächlich ein Phänomen neuerer bis neuester Zeit. Nicht lange nach ihrem Aufkommen machte ihr jedoch schon die Postmoderne einen Strich durch die Rechnung, indem sie Romantik als Kitsch abtat und höchstens noch als Zitat akzeptierte. Aber kann ich jemanden ironisch heiraten? Das Versprechen, für immer zusammenzubleiben, mutet bei der vielbeschworenen Scheidungsrate von 50% so naiv wie eine Grundschul-Mädchenfreundschaft – ABFs4eva! – an. Gerade aus feministischer Perspektive scheinen diese Scheidungsraten ja sogar Grund zur Freude zu sein. Zeigen sie doch, dass immer weniger Menschen dazu gezwungen sind, in unglücklichen Beziehungen zu bleiben, weil sie keine Wahl haben. Dass frau auch ohne Ehemann finanziell wie sozial über die Runden kommt (und vice versa), ist eine gute Sache. Es scheint fast so, als habe die Ehe als Institution im 21. Jahrhundert keine Daseinsberechtigung mehr.
Warum also möchte ich trotzdem irgendwann heiraten? Mir persönlich geht es sicher nicht darum, mir von einem bärtigen Mann im Himmel ein imaginäres „Daumen hoch“ für meine Beziehung geben zu lassen. Auch die im Gegensatz sehr greifbaren Gründe wie Ehegattensplitting sind aus pragmatischer Sicht sehr vorteilhaft, aber doch nicht so
sehr, als dass ich mich dafür für immer rechtlich an einen Menschen binden würde. Doch in Zeiten von Mingle-tum und epidemischem Sich-nicht-festlegen-wollen (ich hatte darüber geschrieben) ist die Ehe für mich ein Versprechen von Beständigkeit, von commitment, wie es neudeutsch gerne heißt. Dieses Versprechen wird vor Zeugen geschlossen – egal ob das jetzt der „engste“ Freundes- und Familienkreis mit 400 Leuten ist oder ob man sich von einem schweigsamen norwegischen Bärenfänger auf einem zugefrorenen Bergsee in einer Polarnacht trauen lässt. Letztendlich geht es aber nicht darum, welchen Effekt eine Heirat auf das gemeinsame soziale Umfeld (oder den Bärenfänger) hat, sondern darum, dass sich zwei Menschen ganz bewusst füreinander entscheiden – und dagegen, sich ein Hintertürchen aufzuhalten und zu warten, ob nicht doch noch etwas Besseres kommt. Die Eheschließung validiert den affirmativen Sprechakt des „Wir sind zusammen!“ und gibt ihm eine verbindliche Komponente, über welche beispielsweise 14-jährige, die alle zwei Wochen mit einer anderen Person „zusammen“ sind, eher weniger verfügen.
Nun ließe sich argumentieren, dass es Dinge gibt, die weitaus bindender sind als ein Trauschein – ein gemeinsames Haus, gemeinsame Kinder, gemeinsame Haustiere –
oder, wenn man zynisch ist, dass ein Trauschein genauso wenig wie diese Dinge jemanden davon abhalten kann, „mal kurz Zigaretten zu holen“ und zu verschwinden, wenn diese Person fest dazu entschlossen ist. Und natürlich weiß niemand, was die Zukunft bringt. Natürlich kann man 30 Jahre lang verheiratet sein, morgens in Jogginghosen zum Bäcker gehen und dort die Liebe seines Lebens treffen. Aber in dem
Moment, in dem ich meine Unterschrift auf die Heiratsurkunde setze, tue ich das in der Erwartung und Überzeugung, dass ich mein Leben mit der Person, der die zweite Unterschrift gehört, teilen will. Und klar ist das ein Sprung ins eiskalte Wasser, aber ich wünsche mir, dass mich irgendwann jemand an der Hand nimmt und wir diesen Sprung gemeinsam wagen.
Kathi & Lara
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