Film Review: Feed – The Movie

(Bild: The Christian Post)

Achtung, Spoiler! Dieser Text enthält Hinweise auf die Handlung in den Filmen „To the Bone“ und „Feed – The Movie“!

Ursprünglich wollten wir eine Rezension zu To the Bone schreiben, ein Film, der zurzeit in verschiedenen Artikeln kontrovers diskutiert wird. Die Netflix-Produktion, die sich mit dem Thema Anorexie auseinandersetzt, wird zum Teil heftig kritisiert  – unter anderem wird ihr vorgeworfen, Magersucht zu romantisieren. Weitere Kritik ist, dass der Film die Ästhetik von sogenannten Pro-Ana-Seiten bedient und die Therapie unrealistisch abbildet. Die Regisseurin Marti Noxon und die Hauptdarstellerin Lily Collins hatten beide in ihrer Vergangenheit selbst mit Anorexie zu kämpfen, wobei letztere sich für die Rolle (unter medizinischer Aufsicht) herunterhungerte.

Wir haben uns den Film angeschaut und fanden ihn vor allem eines: nichtssagend. Generell ist es sehr lobenswert, dass die Filmindustrie diesen schwierigen Stoff aufgreift, denn nur dadurch kann ein ernstes und wichtiges Thema wie Essstörungen überhaupt ins Bewusstsein der Gesellschaft gelangen. Leider scheitert dieses Unterfangen bei To the Bone bei dessen Umsetzung und der Film bleibt sehr oberflächlich.

https://www.youtube.com/watch?v=qPKBRiFbm4A
Aus diesem Grund möchten wir euch eine Alternative vorstellen, die unserer Meinung nach mehr in die Tiefe geht: Feed – The Movie.

Die Protagonistinnen der beiden Filme haben bis auf die Anorexie und die komplizierten Familienverhältnisse eigentlich nichts gemeinsam. Troian Bellisario (bekannt aus Pretty Little Liars), die ebenfalls unter Anorexie litt, verkörpert nicht nur die Hauptfigur Olivia Grey, sondern schrieb auch das Skript und produzierte den Film.

Die Filme zeigen unterschiedliche Etappen der Krankheit: Während Ellen aus To the Bone bereits einen regelrechten Therapie-Marathon hinter sich hat, deutet bei Olivia noch nichts auf ihre Magersucht hin. Liv ist Klassenbeste und hat gute Chancen, Jahrgangsbeste zu werden. Sie und ihr Zwillingsbruder Matt (Tom Felton) sind unzertrennlich – bis zu dem Zeitpunkt, als er bei einem Autounfall stirbt. Liv auf dem Beifahrersitz überlebt, erträgt aber den Verlust ihres Bruders kaum und rutscht nach und nach in die Magersucht ab.

Im Gegensatz zu To the Bone thematisiert Feed die psychologischen Aspekte der Krankheit: Bei einer Essstörung wie im Fall der beiden Filme geht es um Kontrolle. Jemand, der beispielsweise an Anorexie leidet, hat durch verminderte Nahrungsaufnahme eine Strategie entwickelt, um andere Belastungen zu bewältigen. Die Kontrolle über das Essen substituiert also die Kontrolle über das eigene Leben. Bereits vor dem Unfall steht Liv unter enormem Druck: Ihr Vater fordert Höchstleistungen von ihr – nicht nur was ihre Noten angeht, sondern auch in anderen Bereichen. Nachdem Liv ‚nur’ eine kleine Runde joggen war, kritisiert ihr Vater sie dafür, dass sie nicht noch weiter gelaufen ist. Durch Matts Tod entgleitet Liv die Kontrolle über ihr Leben komplett, denn ihr Bruder war für sie eine wichtige Stütze.

Während sie zu Beginn aus Trauer den Appetit verliert und aufhört zu essen, wird die Nahrungsverweigerung im weiteren Verlauf des Films zu einem Mittel, um mit dem Druck und dem Verlust ihres Bruders klarzukommen. Feed veranschaulicht die Stimme im Kopf, die viele von einer Essstörung Betroffene hören, indem der Film sie personifiziert: Liv beginnt, ihren Bruder zu sehen – erst im Traum, später auch wenn sie wach ist. Anfangs gibt seine Präsenz ihr die benötigte Sicherheit, jedoch wird die Stimme zunehmend bedrohlicher. Neben Tom Feltons schauspielerischer Leistung verstärken Elemente aus dem Horror-Genre das beklemmende Gefühl. Liv kann der Projektion ihrer Krankheit nicht entkommen. Erst als sie in eine Klinik eingewiesen wird, beginnt sie (und der Zuschauer) zu begreifen, was sich wirklich hinter der Stimme verbirgt.

Psychologe: „Ist da eine Stimme, die dir sagen, ob du essen sollst, oder nicht? Sagt dir eine Stimme, dass du anderes tun sollst? Wann du arbeiten sollst, schlafen, sprechen?“
Liv: „Wieso fragen Sie mich das?“
Psychologe: „Weil Menschen mit einer Essstörung oft von einer Stimme im Kopf erzählen, die anders klingt. […] Hier geht es nicht wirklich um Essen. Hast du das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren? Bist du überfordert?“

Anders als in To the Bone, wo die ‚unkonventionelle’ Therapiesituation eher unprofessionell wirkt, stellt Feed die Behandlung sehr realistisch dar. Die Patienten müssen erst wieder lernen zu essen: Sie erhalten einen Essensplan, die Mahlzeiten finden unter Aufsicht statt und verweigerte Nahrung wird durch einen Shake ersetzt. Nimmt der Patient dennoch nicht genug Nahrung zu sich, wird er über eine Magensonde künstlich ernährt – so auch Liv. Man sieht, wie ihr der Schlauch durch die Nase eingeführt wird und welche Schmerzen ihr der Vorgang zufügt. Der Film versucht nicht zu verharmlosen, wohingegen es bei To the Bone scheint, als wäre die Ernährung über eine Magensonde lediglich eine Unannehmlichkeit. Dadurch kann es wirken, als würde die Krankheit und deren Behandlung romantisiert werden. Was beide Filme gleichermaßen glaubwürdig darstellen ist die völlige Überforderung des sozialen Umfelds. Allerdings verfügen Haupt- und Nebenfiguren in Feed über mehr charakterliche Tiefe, während selbst Protagonistin Ellen in To the Bone enttäuschend flach bleibt. Ein weiterer Pluspunkt für Feed ist, dass er eine Handlungsanweisung für Angehörige oder Lehrkräfte von Betroffenen bietet: Livs soziales Umfeld spricht sie mehrfach darauf an, ob es ihr gut geht oder ob sie Hilfe braucht. Und das ist genau das, was man in einer solchen Situation tun sollte – selbst, wenn die Person diese Hilfe ablehnt.

Denn letztlich ist psychologische Betreuung das einzige, was jemandem im Kampf gegen eine Essstörung hilft. Es ist kein Selbstfindungstrip in der Wüste, wie ihn Ellen auf eigene Faust unternimmt, der zur Heilung führt. Anorexie-Patienten müssen neue Verhaltensstrategien erlernen, um einen Kontrollverlust zu bewältigen. Feed zeigt am Ende außerdem auf, dass eine Krankheit wie Magersucht nie ganz geheilt wird, sondern den Patienten sein Leben lang begleitet.

Einer der größten Vorwürfe, die To the Bone gemacht wurden, war triggering – und auch Feed birgt diese Gefahr. Das sagt auch Troian Bellisario in einem Interview mit der Cosmopolitan. Allerdings weist sie auch darauf hin, dass triggering unvermeidbar ist, wenn man über ein Thema wie Essstörungen, Depressionen oder jede andere Art von psychischer Krankheit spricht. Und eine Thematisierung ist wichtig, da sie dazu führen kann, dass Betroffene sich Hilfe suchen oder sich in Bezug auf ihre Erkrankung öffnen. Wichtig ist, dass diese Thematik auf eine sensible Art behandelt wird. Das ist bei Feed der Fall. Der Film romantisiert Essstörungen in keinster Weise, weil der Fokus auf dem psychologischen Aspekt der Kontrolle liegt und nicht darauf, abzunehmen. Er erzeugt Empathie und macht auch denjenigen das Krankheitsbild verständlich, die keine persönlichen Erfahrungen damit haben. Dass Troian Bellisario sieben (!) Jahre in den Film investiert hat, merkt man ihm an, ebenso wie ihr Wunsch, damit anderen Menschen Mut zu machen. Für uns ist er deswegen nicht bloß eine gute Alternative zu To the Bone in Bezug auf das Thema Anorexie; er ist neben seinem aufklärerischem Wert auch ein großartiger Spielfilm, den wir euch aus cineastischer Sicht ans Herz legen.

Lara und Izzie

Feed – The Movie (2017) ist bei iTunes und auf DVD erhältlich.

Wenn du mit einer Essstörung kämpfst und Hilfe oder Unterstützung brauchst, kannst du dich an die Beratungshotline der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wenden: (02 21) 89 20 31.

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