Homebound – Ode an meine Heimat

(Bild: © Isabelle Micul)

Ich kenne dich jetzt schon mein ganzes Leben lang. Wir sind zusammen aufgewachsen und wir sind uns vertraut. Jeder neue Fleck, den du mir gezeigt hast, ist vollgepresst mit Erinnerungen aus 25 Jahren. Die feuchte Sommerhitze am See und die Winter, die durch den Nebel ebenso feucht sind, wenn auch kalt und klamm. Deine Augen, die im Winter von grün zu grau wechseln. Spaziergänge und Schwäne füttern an der Seestraße. Nach drei Wochen Italien zu dir heimkommen. Herzklopfen bekommen, da ich dich vermisst habe, ohne es wirklich zu bemerken. Durch dich habe ich auch so viele Menschen kennen gelernt. Es ist unfassbar, wie du das machst. Aber du schaffst es, immer neue Personen auf das Spielfeld zu werfen und trotz allem die alten Spieler im Spiel zu behalten. Wenn auch nur durch ihre bloße Existenz und nicht durch ihre aktive Teilnahme am Spiel. Es sind so viele gekommen und gegangen, wurden verbannt aus unserem gemeinsamen Leben und wurden manchmal auch wieder hineingelassen. Du hast mir gezeigt, wo ich die besten Partys finde und wo die schlechtesten. Du hast mir auch beigebracht, wie ich beim Autofahren im Winter auch ohne ABS überlebe, wenn der Frost mal wieder den Nebel auf den Straßen in eine tückisch glitzernde Eisfläche verwandelt hat. Dafür werde ich dich vermutlich mein Leben lang schätzen. Sein Leben mit dir zu teilen ist auf der einen Seite so berechenbar – und gleichzeitig bist du nicht so durchschaubar, wie ich oft glaube. Du hast diese Art an dir, die ich hasse. Diese Art, die ich hasse, weil sie dich doch ziemlich unberechenbar macht in manchen Momenten. Denn wenn mit uns beiden alles gut läuft und ich mich eigentlich wohl mit uns fühle, genau dann schleppst du wieder neue Chaoten an. Wirfst sie mir quasi vor die Füße und erwartest von mir, mit ihnen umzugehen, als sei es das Selbstverständlichste. Dann muss ich an unsere Kindheit denken, deren Grundriss sich auf ein Viertel und ein paar Straßen beschränkt hat. Damals war alles irgendwie friedlicher und ich lebte in dem Gedanken, dass wir beide für immer zusammenhalten würden. Wir beide gegen den Rest der Welt. Du warst mein Zuhause.

Mit den Jahren habe ich dich immer öfter in Frage gestellt. Soll das alles gewesen sein? Du und ich für den Rest meines Lebens? Erwarte ich nicht mehr für mich und meine Zukunft? Ich hatte nicht mehr allzu sehr das Gefühl von Geborgenheit bei dir und ich fühlte mich wohler, sobald ich nicht in deiner Nähe war. Weg von dir und weg von all den Leuten, die du an meine Lebenslinie geknüpft hast und die daran gezerrt haben und dabei viel kaputt gemacht haben. Ich wollte dich hinter mir lassen und ganz weit weg von dir ziehen. Zeitweise. Dann hast du mir wieder gezeigt, wie schön es mit dir sein kann. Wir führen so eine Beziehung, in der ich nicht mit und nicht ohne dich kann. In der ich dich loswerden will und gleichzeitig hältst du mich fest und zeigst mir all deine Seiten, die dich so liebenswert machen. Die mich auch an dir festhalten lassen. All die Dinge und Eigenschaften, die mich dazu bringen, mich bei dir zuhause zu fühlen. Du bist so schön, vor allem wenn du im Sonnenlicht badest. Besonders dann bist du von der Sorte, in die Menschen sich schnell verlieben. Ich für meinen Teil kenne aber auch deine Macken und Fehler und vermutlich kann ich deshalb sogar dann nicht von dir ablassen. Egal wie sehr du mich manchmal zur Weißglut bringst. Wir sind doch irgendwie ein eingespieltes Team. So oft habe ich mir vorgenommen, von dir loszukommen, meinen eigenen Weg zu gehen, ohne dich und ohne ein uns. Aber immer wieder hältst du mir einen Spiegel vor und lässt mich erkennen, dass ich noch nicht ohne dich kann. Dass unsere Zeit noch nicht vorbei ist und dass ich dich wohl auch so schnell nicht loswerde. Vielleicht auch, dass der Moment noch nicht gekommen ist, in dem ich ohne dich weitermachen kann. Und ich frage mich oft, wann dieser eine Moment kommen wird. Der Moment, in dem ich stark genug bin, um dich endlich zu verlassen. Der Moment, in dem ich endlich bereit bin für etwas Größeres. Der Moment, in dem du nicht wieder einen Grund findest, der mich an dir festhalten lässt. Du löst also sehr zwiespältige Gefühle in mir aus, die mich so oft zu diesen Streitgesprächen mit mir selbst führen, die nur in meinem Kopf stattfinden und die immer zu dem gleichen Ende kommen: noch nicht. Noch kann ich nicht ohne dich. Noch schaffe ich es nicht ohne dich. Noch gibt es mir die benötigte Sicherheit, dass du mir so vertraut bist. Deine feste Umarmung bietet mir die Geborgenheit, die ich in mir selbst noch nicht gefunden habe. Du bietest mir Konstanz. Auch wenn du dich noch so schnell veränderst, auf eine gewisse Art und Weise bleibst du immer gleich. Du hast mich einverleibt und das wird auch in naher Zukunft so bleiben. Und vermutlich wirst du immer mein Zuhause sein, auch wenn du dich zeitweise nicht danach anfühlst. Wenn ich dich zwischenzeitlich einfach nur furchtbar finde und du mir nicht einen einzigen Grund gibst, bei dir zu bleiben. Wenn ich dich öde, kleinkariert und spießig finde. Wenn mein Leben mir mit dir so klein und unbedeutend vorkommt und ich das Gefühl habe, du bietest mir keine Optionen für meine Zukunft. Wenn ich das Gefühl habe, du bietest mir überhaupt nichts, das es wert ist.

So kompliziert mein Verhältnis zu dir ist, so einfach ist es auch. Du bist und bleibst mein Zuhause, meine Heimat, meine Heimatstadt. Wie oft ich höre, dass ich dort lebe und studiere, wo andere Urlaub machen, denn schließlich kommen wegen deiner Sommer Menschen aller Welt, um die kleine hübsche Altstadt am See zu genießen. Und auch ich werde noch etwas hierbleiben und versuchen, dich mit deinem Kleinstadt-Flair zu genießen. Die Stadt, in der irgendwie jeder jeden kennt und man trotzdem immer wieder aufs Neue das Wunder des ersten Kennenlernens erlebt. Du hast mich in der Hand, und zwar weil deine Hände sich um mich schmiegen und mir ein Zuhause geben.

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Copyright by Isabelle Micul 
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Izzie

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