Pop the filter bubble!

(Foto: Jennifer Zhou, https://flic.kr/p/dN6npn)

Scroll, scroll, scroll. Mittels meines Daumens checke ich semi-interessiert meinen Newsfeed auf Facebook. Zugegeben: So viel Neues gibt es da nicht zu sehen. Katzenvideos; Urlaubsbilder von Freuden – naja, eher Bekannten -; Memes, die auf humoristische Weise Studieren und Alkoholkonsum in Verbindung bringen („Endlich wieder Klausurenphase! – Leber, 22, genießt die Erholung“); ein bisschen feministisches Empowerment sowie ein schier nicht abbrechender Strom von Artikeln über den neuesten Fauxpas wahlweise von Donald Trump oder der AfD. Manche Beiträge ringen mir ein belustigtes, manche ein wütendes Schnauben ab, doch als ich routiniert weiterscrolle, stutze ich plötzlich.

„Die Wahrheit über die Klimalüge der Regierung!“ lautet der Beitrag, gespickt mit einem entsprechenden YouTube-Video. Wer zur Hölle postet so einen Dreck?! Die Antwort ist: Jakob. Jakob, der mit mir in die 5. Klasse ging, postet so einen Dreck. Ich klicke auf sein Profil und stelle fest, dass die „Klimalüge“ nicht die einzige Verschwörungstheorie ist, die Jakob munter im Internet verbreitet. Mein Scroll-Daumen schwebt bereits über den „Freunde“-Icon, bereit, per Klick das Häkchen zu entfernen und unsere virtuelle Verbindung zu lösen, da halte ich inne.

In diesem Moment wird mir klar, dass ich gerade im Begriff bin, die Wand der Filterblase um mich herum selbstständig zu verstärken. Für diejenigen, die immer wieder mit dem Begriff konfrontiert werden, ohne wirklich zu wissen, um was es geht: Der Begriff „Filterblase“ beschreibt das Phänomen, dass die Algorithmen von Facebook, Google und C. online ein personalisiertes, einzigartiges Universum für jeden seiner Nutzer schaffen. Indem man sie mit Daten füttert – also jeder Klick, jedes Like, jede Google-Suchanfrage –, schaffen diese Prozesse ein Bild von dir und nutzen dieses – in erster Linie für Werbung. Den meisten wird dieses Phänomen schon aufgefallen sein: Man schaut sich etwa ein paar Schuhe auf einer Website an, und plötzlich scheint einen genau dieses Paar auf Schritt und Tritt im Internet zu verfolgen.

Nun sind wir sowieso stetig und ständig von Werbung umgeben und mir ist es lieber, es ist Werbung für etwas, was ich tatsächlich mag. Das klingt also alles an sich nicht sehr bedrohlich – mir persönlich hat die Lektüre von Eli Parisers The Filter Bubble. What the Internet is Hiding from You die Augen bezüglich der Gefahren dieser Personalisierung geöffnet (auch wenn ich mich dabei selbst wie eine Verschwörungstheoretikerin gefühlt habe). Dem reißerischen Titel zum Trotz legt Pariser sehr rational und mit Unmengen an Hintergrundwissen dar, dass die Filterblase die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung lahmlegt. Gleich zu Beginn zitiert er den Medienwissenschaftlicher Marshall McLuhan: „We shape our tools, and thereafter our tools shape us.“ In Bezug auf unsere Existenz im virtuellen Raum heißt das, dass Filter und Personalisierung stets nur unsere eigenen Interessen und Meinungen zurückspiegeln, alles andere jedoch blocken. Während man bei einer Zeitung (und ich meine kein e-paper, sondern eine richtige, analoge, gedruckte Zeitung aus Papier; ja, sowas gibt es noch!) zwar auch die Artikel, die außerhalb des eigenen Interessensspektrums liegen, eher überblättert, so ist man dennoch gezwungen, sie zumindest peripher wahrzunehmen. Auf Facebook jedoch – für viele Menschen, mich eingeschlossen, die primäre Nachrichtenquelle – werden Artikel, die der Algorithmus als für mich irrelevant einstuft, schlicht nicht angezeigt. Und anders als bei einer Zeitung treffe ich diese Entscheidung auch nicht selbst.

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Falsch! (Foto: knowyourmeme.com)

Die Filterblase sorgt auf diese Art und Weise dafür, dass ich online lediglich mit Dingen und Sachverhalten konfrontiert werde, die ich kenne und schätze –  beziehungsweise, was die Filterblase denkt, was ich kenne und schätze. Aus einem riesigen Haufen an Daten, welche sich aus meinem Verhalten im Internet ergeben, formt sich so ein Bild von mir selbst, welches mir immer dann zurückgespiegelt wird, wenn ich mich vor einem Bildschirm befinde. Also ständig. Und nach und nach werde ich durch oben genannte Mechanismen zu diesem digitalen Abbild meiner selbst.

Als wäre das nicht schon unheimlich genug, verlernen wir durch diesen Mangel an neuen Inputs und unbekannten Situationen die Fähigkeit zur Problemlösung und kreativem Denken, weil wir aus einem immer kleiner werdenden Pool von Möglichkeiten schöpfen. Und nicht zuletzt weicht Personalisierung unsere demokratischen Grundwerte auf. Die Basis einer Demokratie ist Meinungspluralität – also quasi das genaue Gegenteil der Filterblase. Als Donald Trump 2016 entgegen aller Erwartungen zum Präsidenten gewählt wurde, reagierten die links eingestellten Medien fassungslos. „How did we get this wrong?“, fragte die New York Times. So viele Menschen – auch hier wieder, mich eingeschlossen – konnten sich einfach nicht vorstellen, dass jemand bei gesundem Menschenverstand Trump wählen könnte. Und ein Grund (von vielen) mag die Filterblase gewesen sein.

Auch ich muss mich selbst wieder und wieder aktiv daran erinnern, dass nicht jede*r gebildet, links und generell meiner Meinung ist. Das fällt so schon schwer; wenn das Internet dir in allem, was du tust, recht gibt, noch viel schwerer. Was also tun?

Die gute Nachricht ist: Man kann die Filterblase austricksen, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Es hilft, regelmäßig Cookies zu löschen oder von vorneherein im privaten oder Inkognito-Modus zu surfen (ja, auch ich habe das bisher nur zum Pornos gucken genutzt). Außerdem like ich ganz aktiv Seiten, die nicht ins Schema passen. Die FAZ zum Beispiel, obwohl ich von ihren Artikeln gegen die Homoehe Brechreiz bekomme. Auf Instagram folge ich Tomi Lahren sowie einer Nutzerin, die sich „thepatriarchyprincess“ nennt – enough said. Und ich habe aufgehört, Facebook-Freunde, deren Meinung mir nicht passt, zu löschen. Während ich früher rigoros aussortiert habe, finden sich in meinem Feed inzwischen immer mal wieder antifeministische Memes („If I had a penny for every gender there is, I’d have two pence“) oder eben besagte Chemtrail-Videos. Und das ist gut so.

 

Lara

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