Bitch, please – Warum ich (k)eine Schlampe bin

Ich dachte ja eigentlich, dass man zum Thema Slutshaming nicht mehr viel sagen und schreiben kann. Gefühlt ist das Thema aber ein bisschen wie die White Walker aus Game of Thrones, auch mit gezielten Hieben, äh, Argumenten einfach nicht tot zu kriegen. Allerdings geht es mir deshalb auch oft so, dass mich das Thema immer wieder kalt erwischt (Jup, pun intended). Meistens reicht ein zu kurzer Rock, zu hohe Schuhe, zu wenig oder zu viel was-auch-immer, um als Frau als Schlampe beschimpft zu werden. Mir hat das tatsächlich mal jemand ins Gesicht gesagt. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich Ehrlichkeit für die höchste Tugend und wenn mich jemand nach Details meines Liebeslebens fragte – insbesondere wenn dieser jemand selbst nicht an enorm plastischen Beschreibungen spart – dann habe ich ehrlich geantwortet. Die Strafe folgte auf dem Fuße: Offensichtlich war mein Verhalten (Achtung, O-Ton) „ganz schön schlampig“. Da war es also nun, dieses Wort. Wenn auch indirekt, aber scheinbar war ich eine Schlampe. Treffer versenkt.

Und das ist eigentlich auch schon der Knackpunkt. Meistens wählen wir unsere Beleidigungen danach aus, wie viel Schaden sie anrichten und Schlampe ist ein sicherer critical hit. Dass es ein sehr absurdes Worst-Case-Szenario ist, in den Augen einer beliebigen Person mit zu vielen Menschen geschlafen zu haben oder zu sexy gekleidet zu sein, vergessen wir dabei gerne. Man sollte meinen, die Person, die dieses Wort benutzt hat, könnte das Problem sein, nicht man selbst.

Gleichzeitig taucht das Wort auch in anderen Kontexten auf. „Me and my bitches #squadgoals“ ist keine besonders ungewöhnliche Instagram Caption und „Bitch, please“ ist fast schon eine universelle Phrase. Man muss nicht Ferdinand de Saussure gelesen haben, um zu begreifen, dass ein Wort und seine Bedeutung nicht fest verbunden sind, sondern – Achtung, Angeberwort für Geisteswissenschaftler – arbiträr. Die Bedeutung eines Wortes kann sich wandeln, so wie Schlampe, Bitch oder diverse andere Synonyme von der Beleidigung zum alltäglichen Vokabular von Woooh-Girls geworden sind. Wir eignen uns Sprache und Begrifflichkeiten an und benutzen sie – am liebsten gepaart mit Ironie – als Schutzschild. Wenn wir einen Witz über uns machen, sind wir immer einen Schritt voraus und balancieren auf einem schmalen Grad an Selbstironie. Außerdem ist Sprache relativ. Worte sind nie eindeutig. Ein „gutes Buch“ ist für manche ein Gedichtband von Goethe, für andere „Die Leidenschaft des Highlanders“. Deshalb kann auch „zu viele Sexpartner“ quasi alles heißen – wähle eine beliebige Zahl zwischen 1 und 99. Und ein „zu kurzer Rock“ kann ein entweder zu breiter Gürtel sein oder skandalöserweise nur leicht die Knöchel bedecken.

Aber wenn also sowieso alles relativ ist, warum trifft mich diese Beleidigung dann doch? Einerseits weil es so meilenweit von meiner eigenen Selbstwahrnehmung entfernt liegt wie Mario Barth von gutem Humor. Und andererseits, weil ich glaube, dass die Person genau diesen Effekt erreichen wollte. Mich treffen. Was das Wort Schlampe bedeutet, ist in diesem Szenario egal. Ob ich eine bin, ist sogar vollkommen egal. Wichtig ist, dass mein Gegenüber mich verletzen wollte. Vielleicht geht es deshalb in diesem Artikel gar nicht um Schlampen, vielleicht geht es um Arschlöcher.

Kathi

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