Hilfe, ich werde wie meine Mutter!

Immer, wenn ich mal länger als eine Woche zuhause bei meinen Eltern bin, passiert es. Wir sitzen bei einem Glas Wein zusammen – okay, manchmal auch mehrere Gläser – und das Gespräch fällt auf ein Thema, bei dem meine Mutter und ich unterschiedlicher Meinung sind. Während mein Vater und mein Bruder sich auf Zehenspitzen davonschleichen, darauf bedacht, ja keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, geht es los. Es ist, wie wenn eine Warm- auf eine Kaltluftfront trifft: Laut, stürmisch, ungemütlich und man möchte lieber nicht hineingeraten.

Versteht mich nicht falsch: Ich habe ein fantastisches Verhältnis zu meiner Mutter. Ich kann mit ihr über so ziemlich alles reden, sie ist nach wie vor eine der wichtigsten Bezugspersonen in meinem Leben und ich bewundere sie sehr. Aber wenn wir uns uneinig sind, kann sie mich wie sonst kaum ein Mensch zur Weißglut treiben – und vice versa. Über pubertären Antagonismus meinen Eltern gegenüber bin ich dabei schon seit einer Weile hinaus – was ist es, was mich so aufregt?

„Sie hält jedes Gegenargument für einen persönlichen Angriff!“, kotze ich mich bei Freunden aus, als ich wieder in meiner Wahlheimat bin. „Und dann ist sie beleidigt und macht einem Vorwürfe, nur weil man nicht ihrer Meinung ist. Super-nervig!“ Besagte Freunde schauen mich dann immer halb mitleidig, halb amüsiert an. Nicht etwa, weil sie mit mir fühlen. Sondern, weil es ihnen so bekannt vorkommt. Meistens fällt irgendwann der berühmte Spruch mit dem Apfel und dem Stamm. Ich habe erschreckend lange dafür gebraucht, um das einzusehen, was der Titel dieses Artikels schon längst gespoilert hat: Ich werde wie meine Mutter!

Der geneigte Leser atmet nun auf – endlich hat sie’s geschnallt, das war ja wohl offensichtlich! -, aber er muss verstehen, dass es ein schwieriger Prozess war, sich das einzugestehen. Schließlich nimmt man sich bereits als türenknallender, unverstandener Teenie vor, auf gar keinen Fall jemals so zu werden wie die Spießer, die einem nicht erlauben, sich mit 13 ein Zungenpiercing stechen zu lassen und auf dem Aldi-Parkplatz Wodka-O aus dem Tetrapak zu trinken. Hat man diese Phase erst einmal überwunden (und je früher das passiert, desto besser für alle Beteiligten), revidiert man zwar einige dieser Ansichten; manche aber verfestigen sich. Entdeckt man dann irgendwann die Eigenschaften, die einem bei den eigenen Eltern seit der Kindheit auf die Nerven gehen, an sich selbst, bricht erst einmal Panik aus. Was, wenn es nicht dabeibleibt? Erst ist es die selbe niedliche Art, die Nase kraus zu ziehen. Ganz die Mama! Dann die Angewohnheit, getragene Socken überall herumliegen zu lassen oder mit Konfliktsituationen nicht umgehen zu können. Das ist schon viel weniger süß. Und in 20 Jahren wähle ich dann etwa CDU, poste meine Glücksnuss auf Facebook und schlafe vor dem Fernseher ein, während die Tagesschau läuft?! Fliegendes Spaghettimonster, bewahre.

Dass das mit Anfang 20 verstörend wirkt, ist nur nachvollziehbar. Außerdem haben Psychologen festgestellt, dass einen an Anderen die Fehler am meisten stören, die man an sich selbst nicht mag – das nennt man Projektion. Aber bei diesen Horrorszenarien vergisst man leicht, dass unsere Eltern uns sowohl durch ihr Genmaterial als auch durch ihre Erziehung mal mehr, mal weniger freiwillig einige sehr gute Eigenschaften und Fähigkeiten mit auf den Weg geben. Mit meiner Mutter zu diskutieren ist für mich, als würde ich mich mit einem Spiegel streiten. Klar ist das anstrengend. Und klar sollte man immer bestrebt sein, es mal „besser zu machen“ als seine Eltern (oder es zumindest nicht völlig zu verkorksen). Aber meine Mutter ist auch dafür verantwortlich, dass ich mich nicht davor scheue, meine Meinung zu sagen und sie auch – lautstark! – zu verteidigen. Und wenn ich in 20 Jahren auch nur halb so taff bin wie sie, kann ich mich ziemlich glücklich schätzen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s