Dating: Küssen verboten?

(Foto: Stocksnap)

Wir leben in einer Zeit, in der man seine Partner durch Apps wie Tinder oder Once zu finden versucht und in der sogar Online-Dating-Portale fast schon wieder retro sind – mal ganz abgesehen vom oldschool Kennenlernen im realen Leben, mit direktem Kontakt, sich treffenden Blicken und dem ein oder anderen Knistern. Jemanden kennenzulernen soll einfach sein und schnell gehen, quasi wie Onlineshopping. Dass wir zwischenmenschliche Beziehungen konsumieren, als seien sie die neuesten Saisontrends bei H&M, äußert sich auch im körperlichen Kontakt. Tinder wird vorrangig genutzt, um den nächsten in einer Reihe hook-ups zu finden und im Club ist fast niemand vor den Predator-ähnlichen Blicken der Suchenden gefeit. Alles dreht sich um Sex, schnell, unkompliziert und bestenfalls erstmal ohne Verpflichtungen jeglicher Art.

Was mir dabei besonders auffällt: Küssen wird seit einer Weile vernachlässigt, zumindest während der Dating-Phase. Degradiert zum bloßen Mittel scheint das Küssen bei vielen zu einem nötigen Übel geworden zu sein, dass einem den Weg in die Horizontale ebnet. Die ersten großen Verliebtheiten im Teeniealter, als Sex noch kein Thema war, wurden hauptsächlich mit Knutschen verbracht, zwei Gesichter, die fast unlösbar aneinanderklebten. Heute wirkt es fast so, als sei die Intimität solcher Küsse einer Beziehung vorbehalten – auf einen Zeitpunkt verschoben, wenn tatsächlich Gefühle vorhanden sind.
Dennoch ist circa die Hälfte der Menschen eben nicht glücklich küssend in einer Beziehung, sondern Single und primär auf der Suche nach Sexualpartnern (besonders im Alter der Selbstverwirklichung zwischen 20 und 30).

Ist das Thema Küssen heute also deshalb so marginalisiert, weil Sex so viel leichter greifbar ist?

Gefühlt 99% der existierenden Songs sind Liebeslieder, ob sie nun traurig oder glücklich sind. Sebastian singt, dass Eric Arielle doch nun endlich küssen soll, Katy Perry küsst Mädchen und dass man rote Lippen küssen soll, wissen wir auch alle. In der Musik kommt der Kuss also nicht zu kurz – zumindest bis zu den letzten Jahren, in denen die musikalische Auseinandersetzung mit dem Thema massiv abgenommen hat. Aber warum ist das so?
Küssen ist Kommunikation. Man kann dabei ausdrücken, dass man mehr will oder dass man genug hat, man kann mit einem Kuss danke sagen oder ich liebe dich, er kann Begrüßung oder Abschied sein und so vieles mehr. Außerdem bedeutet Küssen Nähe: Gerade Geruchs- und Geschmackssinn intensivieren jeden einzelnen Impuls, der durch die Nerven zum Gehirn gejagt wird. Als vom Sexualforscher Ulrich Clement bezeichnete „Ouvertüre“ zum Sex sollte eigentlich gerade bei Sexualpartnern, die sich erst kennengelernt haben, das Küssen eine so viel größere Rolle spielen, als es das tatsächlich tut. Indem man auslotet, wie jemand anderes küsst, rücksichtsvoll, einladend, zärtlich oder leidenschaftlich, lernt man den anderen auf körperlicher Ebene kennen, wodurch man sich aufeinander einspielen kann. Warum ist Küssen für viele beim Dating dann so viel weniger wichtig als der Sex selbst?

Vielleicht kann ein kleiner Exkurs hier etwas mehr Klarheit schaffen: In Swingerclubs wird beispielsweise wenig geküsst, was vermutlich damit zusammenhängt, in welchem Tempo es dort zur Sache geht. Während es für Paare ein Abenteuer ist, den Partner beim Sex zu wechseln, scheint die Intimität des Küssens dem festen Partner vorbehalten zu sein. Etwas Ähnliches wird auch deutlich, wenn man noch einen Schritt weiter geht: Auch bei Prostituierten gilt strengstes Kussverbot – behauptet zumindest der Film Pretty Woman –, wobei sich dies eher im Selbstschutz begründet und im Fakt, dass sie den Kunden nicht zu nah an sich heranlassen wollen.

In dieser Intimität scheint also die Krux zu liegen. Nähe zu einer anderen Person und Gefühle für eben diese werden offenbar durch das Küssen entwickelt, nicht durch den Sex. Wenn wir also in einer Zeit leben, in der es vermutlich mehr „Freundschaft Plus“ und „Was am Laufen haben“ gibt als feste Beziehungen, in einer Zeit ohne viel Bereitschaft zu Commitment, dann ist es nicht verwunderlich, warum Küssen eher zweitrangig geworden ist. Keiner knutscht mehr, ohne mehr zu wollen – auch viele Paare nicht. Dabei ist Küssen sogar gesund. Nicht nur stärkt es das Immunsystem, es setzt außerdem die Glückshormone Serotonin und Endorphin frei und schmerzlindernde Hormone wie Adrenalin und Dopamin. Küssen macht also glücklich und das zeigt sich auch in einer Beziehung: So zeigen Studien, dass die Zufriedenheit von Paaren mit ihrer Beziehung in direktem Verhältnis zur Häufigkeit steht, in der sie sich küssen (im Gegensatz zur Häufigkeit, in der ein Paar miteinander schläft). Der Kuss hat sogar seinen eigenen Feiertag: Am 6. Juli feiert die ganze Welt das Aufeinandertreffen von Lippen. Um es abschließend nicht mit den Prinzen („Küssen verboten!“) sondern dem Prince zu sagen: „You don’t have to be cool to rule my world […], I just want your extra time and your kiss.“

Izzie

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