#zensiert – was darf ich noch sagen und erfahren?

(FOTO: © PEXELS)

Der 12. März ist kein Tag des Jubels, sondern vielmehr eine Kampfansage. Denn heute ist der Welttag gegen die Zensur im Internet. Zensur im Internet? Was wie ein Widerspruch klingen mag, ist in vielen Teilen der Welt Realität geworden. Das World Wide Web wirkt in seiner Dimension nicht greif- und eingrenzbar und doch gelingt es immer mehr Staaten und nichtstaatlichen Gruppen, virtuelle Mauern an Stellen hochzuziehen, die der Internetnutzer nicht betreten soll. Seit über 50 Jahren gibt es das Internet schon und es läuft wie bei allen Werkzeugen – der Mensch muss erst lernen damit umzugehen und das dauert seine Zeit. Dass das weltweite Netz nicht ewig ein „Medium der Freiheit“ bleiben würde, war also vorherzusehen. Denn wie mit allen Massenmedien wird auch hier irgendwann dem Spaß ein Ende gesetzt und das Internet an die Leine genommen. Gehalten wird diese von Staaten und führende Internet-Plattformen wie Google und Facebook, die immer mehr den Status des Monopols auf dem Markt erreichen und damit die Spielregeln für das Netz stellen.

China, Russland, die Türkei und auch immer mehr europäische Regierungen machen es sich zur Aufgabe, den Nutzer in seinem Informationszugang und seinen Handlungen im Internet einzugrenzen. Doch gerade das ist es, was das Netz bisher ausmachte: Als eines der wenigen Medien genießt es (jedenfalls meistens) den Status der Freiheit – Meinungsfreiheit, Pressefreiheit. Das Internet ist ein Ort des Austauschs, an dem sich jeder beteiligen darf unabhängig von Religion, Staatsangehörigkeit oder Qualifikation. Ein barrierefreier Bereich also, den jeder betreten und verlassen darf, wie es einem beliebt. Ob anonym mitzulesen, schriftlich seine Meinung preis zu geben oder visuell seine Erlebnisse mit anderen zu teilen – jeder mit einem Internetzugang kann teilhaben an internationaler Gemeinschaft und Kommunikation. Dass das Internet ein Ort der freien Meinungsäußerung ist, darf wohl heute nicht mehr überall als selbstverständlich gesehen werden.

Natürlich braucht es auch auf dem Spielplatz des World Wide Webs Regeln, an die sich jeder User zu halten hat. Doch wie das oft bei Spielen so ist, sind diese nicht immer ganz gerecht aufgestellt. So wird die amerikanische Meinungsfreiheits- und Moralvorstellung nicht ohne Grund auch mit „Hakenkreuze ja, weibliche Brustwarzen nein“ beschrieben. Die großen Männer (und Frauen) bestimmen, was wir im Internet zu lesen und sehen bekommen und was nicht. So nimmt die Tragweite solcher Zensuren zu, wie am Beispiel China zu sehen ist. Schon lange ist uns die dortige Zensur im Netz ein Dorn im Auge, doch nun setzt die Staatsmacht noch einen drauf: Ein neu eingeführtes Scoring-System soll den Zugang der Menschen zu wichtigen Gütern von ihrem Verhalten gegenüber anderen und deren Bewertung abhängig machen, wie wir es aus der Folge „Abgestürzt“ von Black Mirror kennen. Natürlich hat die Internet-Zensur auch ihre guten Seiten, denn durch die Meinungsfreiheit mischen sich Beiträge und Internetseiten unter die Menge, die wiederum gegen Gesetze verstoßen. So gründet diese Zensur als logische Konsequenz beispielsweise in Internetsperren gegen Kinderpornographie oder dient dem Schutz von Minderheiten. Dennoch hat jede Eingrenzung uns in der Geschichte gezeigt, dass die Menschen versuchen werden, daraus auszubrechen und es ihnen meistens auch gelingt.

Das die weltweit 4 Milliarden Internetnutzer betreffende Thema wird auch auf der Digitalkonferenz SXWS in Austin aufgegriffen, die zurzeit stattfindet. Die Teilnehmer quält vor allem eine zentrale Frage: Was bekomme ich noch mit und was wird mir vorenthalten? Aus welchem Informationstopf schöpfen ich noch mein Wissen und aus welcher uns vorgegebenen Menge an Inhalten bilde ich meine Meinung? Wenn der Zugang zu Inhalten von oben gesteuert wird, werden wir dann in eine Richtung gelenkt, die wir nicht autonom und freiwillig einschlagen? Dieses Internet ohne Grenzen, in dem jeder Foren zu den schrägsten Interessen findet und jeder Axolotl-Liebhaber (ja, das ist ein Tier, das es sich zu googeln lohnt) unzählige Videos seiner Lieblinge findet, scheint es so nicht mehr zu geben. Selbstverständlich geht es hier um eine andere Größenordnung, was Kommentare, Videos oder Beiträge anstößiger und kritischer Themen betrifft. Zu missbilligende Informationen meldet der Staat Konzernen wie Google und lässt diese zensieren.

Könnten wir uns bezüglich der Internet-Zensur ebenfalls in die Richtung von China entwickeln? Der Gedanke an diese Informationsvorgabe, an die Einschränkung vielfältiger Meinungen und Kommentare hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Doch solange es sich nicht um einen autoritären Staat handelt, wird sich zum großen Teil noch an die Menschenrechte und damit auch an die Meinungs- und Pressefreiheit gehalten. Damit das so bleibt, gibt es den Welttag gegen Zensur im Internet, der uns darauf aufmerksam machen soll, dass wir uns nicht den Mund verbieten lassen und an unserer Handlungsfreiheit festhalten sollen. Die Aktivistengruppe „Reporter ohne Grenzen“, die diesen Tag ins Leben gerufen hat, pflegt das Motto „Internet ohne Grenzen“: Jährlich öffnet sie zu diesem Anlass zuvor gesperrte Internetseiten und macht versteckte Informationen der Öffentlichkeit wieder zugänglich. Dies mag zwar nur eine Nadel im Heuhaufen sein, doch als Zeichen des Widerstands wird hier erkennbar, dass die Bevölkerung für ihre Rechte kämpft, wenn die Regierung es nicht selbst einhalten will.

So wird das World Wide Web zwar immer ein Ort bleiben, an dem Wege gesperrt werden können. Doch der Durchschnittsnutzer kann einen Weg finden, diese zu umgehen und andere Abbiegungen zu finden oder seine eigene Spur zu legen. Solange die großen Mächte ihre Zensur vorantreiben, werden die Nutzer sich ebenfalls weiterentwickeln und Möglichkeiten finden, sich nicht gänzlich einsperren zu lassen in einen Raum aus vorgegebenen Informationen, die die Sicht auf die ganze Wahrheit versperren.

Hannah

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