Erfahrungsbericht: Bachelor – was nun?

(Foto: © Pexels)

Seit Februar darf ich mich nun offiziell Bachelorette nennen – ohne, dass mir ein Haufen notgeiler Schimpansen den Hof macht. Die meisten Absolvent*innen sind nach ihrem erfolgreich abgeschlossenen Bachelor-Studium mit ihren Auswahlmöglichkeiten erstmal ähnlich überfordert wie mit der exotischen Auswahl einiger Eisdielen. Zieht man Google zurate, so findet man Artikel, die einem nur sagen, was die Optionen sind – was nicht wirklich dabei hilft, eine Entscheidung zu treffen, die immerhin eine Auswirkung auf den Rest des Lebens hat. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, meine Erfahrungen und den Struggle in Form eines Berichts mit euch zu teilen – wobei ich natürlich trotzdem kurz die Ausgangslage mit den jeweiligen Optionen schildern werde.

Studium

Meinen Bachelor habe ich in neun statt sechs Semestern gemacht. Den Studiengang Literatur-Kunst-Medien gibt es so nur in Konstanz am Bodensee, wo ich auch aufgewachsen bin – ich musste also bisher nicht meine Heimatstadt verlassen (auch wenn ich das zwischendurch mehr als alles andere wollte). Um mir das Studium zu finanzieren, habe ich 20 Stunden pro Woche (ja, das bedeutet Teilzeit) im Einzelhandel gejobbt, ein Praxis- oder Auslandssemester konnte ich also auch vergessen. Das Dach über dem Kopf und das Brot auf dem Tisch wollen ja schließlich irgendwie bezahlt werden. Ich hätte zwar weiter bei meinen Eltern wohnen können, war jedoch direkt nach dem Abitur ausgezogen – ich hatte nämlich zuerst ein anderes Studium begonnen, nur um nach einem Semester doch lieber eine Ausbildung zur Buchhändlerin anzufangen. Da sich dieser sehr romantisierte Beruf jedoch als Lüge herausgestellt hat und auch ein Buchhändler nichts anderes ist als ein Einzelhändler, der mit Büchern und Non-Books (also der Schickschnack, den Buchhandlungen sonst noch verkaufen) um sich wirft, habe ich im Einverständnis mit meinem Arbeitgeber die Ausbildung zwar abgebrochen, dafür jedoch eine Praktikumsbescheinigung erhalten, die ich mir für mein Studium anrechnen lassen konnte. Erst nach diesen beiden ersten Anläufen bin ich zu meinem jetzt beendeten geisteswissenschaftlichen Studium gekommen – mit dem ich alles in allem sehr glücklich war und bin.

Es ist also vollkommen okay, nach dem Abitur nicht direkt zu wissen, was man machen möchte und deshalb mehr als einen Anlauf für das Bachelorstudium zu brauchen. Zum anderen sollte man sich niemals schlecht fühlen, nur weil man länger als die Regelstudienzeit studiert – ein Nebenjob nimmt einem nicht nur Zeit, die man ins Lernen investieren kann, sondern stresst den Studierenden durch die Doppelbelastung. Laut einer Studie der Universität Konstanz geben nur 9% der Absolvent*innen an, dass eine Erwerbstätigkeit zur Überziehung der Regelstudienzeit geführt hat – bezeichnend, lässt es doch darauf schließen, dass die Anzahl der Studierenden, die sich ihr Studium eigenständig finanzieren müssen, immer noch ziemlich klein ist.

Optionen

Bevor ich nun genauer darauf eingehe, wie es bei mir nach dem Bachelor weitergeht, möchte ich kurz und knapp die allgemeinen Optionen aufführen, die sich den Absolvent*innen nach dem Studium bieten.

  • Bachelor: Wer seinen Bachelor zwar in der Tasche hat, aber gegen Ende gemerkt hat, dass er*sie auf’s falsche Pferd gesetzt hat, kann umsatteln und ein zweites Bachelorstudium in einem anderen Fachgebiet anfangen. Einziger Nachteil: Seit 2017 muss man für die Option Zweitstudium ganz schön tief in die Taschen greifen, denn in einigen Bundesländern kostet ein zweites Studium nun bis zu 650 Euro pro Semester. Dann doch lieber früher umentscheiden, bevor das erste Studium „unnötig“ abgeschlossen ist.
  • Master: Eine Möglichkeit ist es, nach dem Bachelor einen allgemeinen, einen spezifischeren oder einen Dualen Master zu machen und damit das bisher angesammelte theoretische Wissen in die Tiefe auszuweiten. Der Master ist tatsächlich laut einer Studie der Universität Konstanz die beliebteste Wahl unter den Absolvent*innen (77%), wobei 15 Prozent damit ihre fachliche Kompetenz erweitern beziehungsweise 14% die beruflichen Chancen verbessern wollen. 11% möchten sich spezialisieren und 8% erhoffen sich durch den angehängten Master ein höheres Gehalt im zukünftigen Job. 9% geben an, geringes Vertrauen in ihre Berufschancen zu haben, wenn sie sich „nur“ mit einem Bachelor bewerben – wobei man zu diesen 8% eigentlich die 15% dazu zählen sollte, die angeben, ihre Chancen verbessern zu wollen.
  • Ausbildung: Die Ausbildung ist die berufliche Alternative zum Zweitstudium. Wer mit dem erworbenen Abschluss aufgrund des Fachgebiets unzufrieden ist und das Studium nicht abbrechen wollte – again, informiert euch über die Kosten für ein Zweistudium in eurem Bundesland – der kann nach dem absolvierten Bachelorstudium eine Ausbildung beginnen. Bevor man diese Entscheidung jedoch leichtfertig trifft, sollte man sich über die eigenen beruflichen Ziele klar werden und überprüfen, ob man alle anderen Möglichkeiten in Betracht gezogen hat, denn eine Ausbildung hat vor allem finanzielle Konsequenzen für zwei bis drei Jahre.
  • Praktikum: Hach, Generation Praktikum lässt grüßen. Für alle, die post-Bachelor erstmal ganz ohne commitment den großen Zeh in die Berufswelt stippen wollen, ist ein Praktikum optimal. Im Idealfall sammelst du erste Berufserfahrung und kannst dein theoretisches Wissen aus deiner Uni-Zeit einbringen. Das Praktikum macht sich nicht nur gut im Lebenslauf, sondern wird von vielen Unternehmen mittlerweile als Pflicht angesehen. Wenn du Pech hast, lernst du wie man Kaffee kocht und Dokumente kopiert. (Link: How to survive as a Praktikant)
  • Volontariat/Traineeship: Wenn man es nicht so genau nimmt, sind ein Volontariat und ein Traineeship eigentlich das Gleiche. Beide dauern meistens 12 bis 24 Monate, wobei man seine Zeit als Trainee gelegentlich auch in nur sechs Monaten absitzen kann. Größter Unterschied: das Gehalt. Während Volontariate in der Regel von Verlagen, Redaktionen oder beim Radio vergeben werden, bekommt man eine Traineestelle viel eher in den Berufen, die auch besser bezahlt sind (Marketing, Wirtschaft, Bankwesen, etc.). Beides ist beinahe gleichzusetzen mit einer Ausbildung, beides erfordert ein im Voraus abgeschlossenes Studium beziehungsweise eine bereits abgeschlossene Ausbildung.
  • Einstieg ins Berufsleben: Mit 12% der Bachelor-Absolvent*innen ist die Anzahl der Mutigen, die direkt den Sprung ins Berufsleben wagen wollen, ziemlich gering. Im Schnitt dauert die Jobsuche dabei bis drei zu Monate – nur 5% der Befragten geben an, auch anderthalb Jahre nach der Befragung noch immer arbeitssuchend zu sein. Wer also mit dem Bachelor in der Tasche durchstarten will und sich nicht mit einem Master oder Praktikum aufhalten will, dessen Chancen stehen gar nicht so schlecht.
  • Zeit im Ausland: Ob Au-pair, Work and Travel, einzelner Job im Ausland oder nur Travel – nach dem ersten universitären Abschluss zieht es viele Absolvent*innen erstmal ins Ausland. Die Welt sehen, wertvolle Erfahrungen sammeln, eine Sprache aufbessern – ein Auslandsaufenthalt kann einem so viel mehr mitgeben als die bloße Möglichkeit bei jeder Gelegenheit darüber zu sprechen (siehe Lisa, 19, war 3 Monate in Australien).

Meine Optionen im Ausschlussverfahren

Mit dem Bachelor in der Tasche stehen mir alle oben genannten Möglichkeiten offen – oder?

Der ursprüngliche Plan war es, einen Master und anschließend den Doktor zu machen, denn eigentlich wollte ich in die Forschung. Leider musste ich das letzte Jahr meines Studiums mit einer zusätzlichen Hürde bestehen: Mir wurden vor einem Jahr schwere Depressionen diagnostiziert, was natürlich auch die Zukunftspläne beeinflusst hat. Alle Optionen, die von mir verlangt hätten, mein Sicherheitsnetz (Familie, Freunde, etc.) hinter mir zurückzulassen, waren für mich sofort gestrichen, beziehungsweise für unbestimmte Zeit nach hinten geschoben.

Das heißt nicht, dass man mit einer psychischen Erkrankung nicht in eine andere Stadt ziehen kann, um sich beruflich weiterzuentwickeln – das heißt nur, dass man gerade in einer solchen Situation genau überlegen muss, ob es die eigene Gesundheit beeinträchtigen würde oder nicht. Gesundheit sollte Priorität haben und bei jedem, der an einer psychischen Erkrankung leidet, sind bestimmte Faktoren für die Genesung besonders wichtig. Dazu gehört zum einen, dass man Menschen um sich hat, die einem Sicherheit geben, und zum anderen, dass man tief in sich hineinhört und ehrlich zu sich selbst ist: Bin ich jetzt schon bereit oder soll ich dies oder das vielleicht erst in einem Jahr angehen?

Ich weiß, wie sehr man sich den Kopf zermartert, wenn man unsicher ist, wie es mit der eigenen Zukunft nach dem Bachelor-Abschluss weiter gehen soll – auch darüber, woher man weiß, ob man sich richtig entschieden hat. Allen, denen es so geht, empfehle ich nach dem Ausschlusskriterium vorzugehen.

Einen weiteren Bachelor oder eine Ausbildung zu machen kommt für mich nicht in Frage, da ich mit meinem zufrieden bin – und mit dem Berufsfeld, das sich daraus ergibt. Da es in pendelbarer Nähe keinen Masterstudiengang gibt, den ich machen möchte, fiel auch diese Option weg. Außerdem möchte ich nach fünf Jahren, in denen ich im Einzelhandel gejobbt habe, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, jetzt endlich „was Richtiges“ arbeiten. Aufgrund der Depressionen traue ich es mir gerade auch nicht zu, für einen Master in eine andere Stadt zu ziehen. Dasselbe gilt übrigens für einen längeren Auslandsaufenthalt. Somit bleiben folgende Optionen: Praktikum, Volontariat/Traineeship und der direkte Einstieg ins Berufsleben. Alles Optionen, die für mich in Frage kommen, solange ich mit dem Gehalt zumindest meine Miete bezahlen kann. Gerade bei Praktika ist das oft nicht der Fall, weshalb ich mich vor allem in der Schweiz umsehe, wo auch Praktika wesentlich besser bezahlt sind. Unterm Strich bewerbe ich mich aber für alles, was ich mir beruflich vorstellen kann. Laut der Statistik der Universität Konstanz verschicken Bachelor-Absolvent*innen circa 8 Bewerbungen, bis sie einen Job bekommen. Spoiler-Alert: Macht euch darauf gefasst, dass es vermutlich eher mehr als 8 werden. Ich bewerbe mich seit Dezember und habe mittlerweile knapp 40 Bewerbungen verschickt. Davon ist noch einiges offen, der Großteil sind leider Absagen und zwei Praktika musste ich ablehnen, weil die Bezahlung nicht für meine größte Leidenschaft gereicht hätten: ein Dach über dem Kopf und Brot auf dem Tisch.

Ausblick/Fazit

Seit Mitte Februar ist der Bachelor of Arts nun in der Tasche – nach neun Semestern, in denen ich mir von den meisten Leuten anhören durfte, dass ich mit einem Bachelor in LKM sowieso nur Pommes-Schranke verkaufen beziehungsweise andere Menschen in Taxis herumkutschieren werde. Geisteswissenschaften haben es einfach an sich, nicht ernst genommen zu werden, was jedoch nicht bedeutet, dass sie nicht ernst zu nehmen sind! Seit Dezember bewerbe ich mich schon und muss mir selbst immer wieder sagen, dass ich ja eigentlich erst seit Februar wirklich fertig bin. Aufgrund meiner Kündigungsfrist bei meinem Nebenjob kann ich mich nur auf Stellen bewerben, die für Mai ausgeschrieben sind – die Erfahrung hat gezeigt, dass Stellenausschreibungen, die „per sofort oder nach Absprache“ zu besetzen sind, trotzdem lieber gestern als morgen besetzt werden. Die Frustgefahr ist hoch, die Motivation sinkt, aber trotzdem sollte man sich in der Bewerbungsphase nicht entmutigen lassen. Wichtig ist, seine Optionen sorgfältig zu überprüfen und eventuell durch Kurse der IHK oder ähnlicher Alternativen zusätzliche Qualifikationen zu sammeln, die die eigene Person noch attraktiver für eine angebotene Stelle machen.

Izzie

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